„To the realisation of the
Brotherhood of Man“
Annie Besants politisches Denken zwischen säkularem,
fabianistischem und theosophischem Sozialismus
Dennis Schmolk
M.A. Gesellschaftstheorie (seit WS 22/23)
Matrikelnummer: 206141 | Mail: dennis.schmolk@uni-jena.de
Website: dennisschmolk.de | Telefon: 0160 / 96 55 36 87
Abstract
Annie Besant (1847-1933) legte in ihrem Leben mindestens vier unterschiedliche Bekenntnisse
ab: Von einer gläubigen Christin wurde sie erst zur atheistischen Free-Thought-Advokatin, dann
zur fabianistischen Sozialistin und schließlich zur bekanntesten Theosophin nach Helena Blavats-
ky mit starkem Hang zum Hinduismus. Individuelle Wahrheitssuche und Spiritualität mischten
sich bei ihr mit karitativen, sozialreformerischen und kollektivistisch-sozialistischen Ideen. Sie war
herrschaftskritisch, eine begnadete Agitatorin und Publizistin, dabei aber immer latent elitär. In
der vorliegenden Arbeit wird diesen und anderen Spuren ihres Denkens gefolgt, um sie in einem
(vermeintlichen?) Spannungsfeld von Religion und Sozialismus zu verorten.
Schlagwörter: Theosophie, Annie Besant, Säkularismus, Sozialismus, Fabian Society, Indien,
Religion
ED
©
\ FRIEDRICH-SCHILLER-
, UNIVERSITAT
JENA
Seminar „Religion und Sozialismus“
Frank Schenker, Martin Wieczorek
SS 2023. Hausarbeit. Abgabe: 22.09.2023
Inhaltsverzeichnis
1 Sozialismus oder Religion? Ein Spannungsverhältnis
2 Zwischen Säkularismus und Theosophie
2,1.-* Die Theosophie als.Religion? 4244, 24a 2 ya
2.2 „Magic flourishes when materialism isrife” ..........
2.3 Mystizismus, Sozialismus 4. 2.2 20» 2 20H Bra
2.4 Die Ziele der TS zwischen Individuum und Kollektiv... ..
3 Christentum, Säkularismus, Theosophie — Frauenrechte, Sozia-
lismus, Unabhängigkeit
3.1 Auf dem Weg zum Sozialismus... . 2.2.2 2222200.
3.2 Die Konversion zur Theosophie. ....... 2... 2 .2.20..
3.3 Nach der Konversion: Hinduismus und Agitation .......
3.3.1 Raj: Christentum vs. Hinduismus ............
3.3.2 Agitation, Indian National Congress, Hausarrest
3.3.3 Das Ende von Annie Besants politischer Karriere ... .
4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Denken und Handeln
durch die Konversion
4.1.- «(Im>)Matenalismüs-; ars a a ee
4.2 ‚Eine sozialistische Agenda. 2. >...» 2. 2a 2200 4
4.3 Theosophical Socialism zwischen Individualismus und Kol-
lektivssmitis: 2. 4-22: es rn Es Bei le
44 Die Rolle der Religion im „theosophical socialism” ......
4.5 Die Frage der Geburtenkontrolle und der Verhütungsinfor-
Maton- au aa nn a a a a ran Er
5 Fazit: Selbstvervollkommung und Reformsozialismus
5.1. ‚Priatder Relision.s 2 44.22 @ a2 224 sata u
5.2 Latenter Elitarismus und die Suche nach der „Wahrheit” ....
6 Literatur
A Anhang: Timeline Annie Besant
1 Sozialismus oder Religion? Ein
Spannungsverhältnis
Die bekannteste Stellungnahme sozialistischen Denkens zur Religion dürf-
te Marx’ Bonmot sein: „Religion ist das Opium des Volkes“. Opium: Ein
starkes Narkotikum, ein die Sinne trübendes Schmerzmittel, aber auch ei-
ne bewusstseinserweiternde Substanz, die Visionen schenkt - und nicht
zuletzt ein bourgeoises Genussmittel. „Des Volkes” Opium ist die Religion
- man vergleiche das mit Lenins Aussage, dass es sich bei der Religion um
billigen Fusel,? um Branntwein des Volkes handle. Bei Marx begegnen wir
einer ambivalente Einschätzung; zwar einerseits eine Droge, die schädigen
kann, aber auch etwas, das eine Funktion über die bloße Betäubung hinaus
erfüllt. Die Abhängigkeit von dieser Droge muss man überwinden; aber
es ist klar, dass dies eine Lücke hinterlassen wird, die bis dahin von der
Religion gefüllt wurde.
Die Geschichte des Sozialismus enthält zahllose Bezüge zur Religion,
oft als Feindbild eines aufgeklärt-materialistischen, säkularen Sozialismus;
und oft fallen Religions- und Kirchenkritik unterschiedslos in eins. An an-
derer Stelle (und insbesondere vor Marx?) sehen wir aber auch sozialis-
tische Bezugnahmen auf das Urchristentum und seine universelle Ethik
der Brüderlichkeit, der Egalität aller Menschen und der Erwartung des -
durchaus auch innerweltlich zu denkenden - Heils. Auch in der Institutio-
nengeschichte gab es, regional differenziert, gleichermaßen Partnerschaf-
ten wie auch erbitterte Kämpfe zwischen sozialistischen und kirchlichen,
sozialkritischen und religiösen Organisationen.
Dabei spielten stets nicht nur die großen Weltreligionen in Form ihrer
staatsverwobenen oder -tragenden Verkörperung als Kirchen eine Rolle.
Gerade auch kleinere Teilkirchen, Abspaltungen, Sekten und einzelne „Pro-
pheten” traten in Erscheinung, denen an einer sozialistischen Umformung
der Gesellschaft und einer „Überwindungsperspektive” gelegen war; man
denke an Thomas Müntzers Utopie eines Reiches Gottes, die sich aus heu-
tiger Sicht auch als religiös fundierter Linksanarchismus lesen lässt.?
Karl Marx, Einleitung „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie”, 1844.
?Lenin 1905.
$Vgl. etwa die von Kool Kool und Krause 1967 besprochenen Autoren.
“Diese Darstellung darf - ebenso wie die Attraktivität eines Lebens in Müntzers Gottes-
2 Zwischen Säkularismus und Theosophie
Die vorliegende Arbeit macht es sich zur Aufgabe, diesem Spannungsver-
hältnis anhand einer spezifischen historischen, regionalen, personellen und
institutionellen Konfiguration nachzuspüren, das in einer Person kristal-
liert: der Denkerin Annie Besant (geb. als Annie Wood 1847 in London,
gest. 1933 in Indien)?. Als lebenslange Agitatorin, die sich von einer Ver-
fechterin des säkularen, anti-christlichen Materialismus wandelte zu einer
der wichtigsten Vertreterinnen eines neu-hinduistischen theosophischen
Denkens, illustriert sie die ganze Ambivalenz des zugrundeliegenden Kon-
flikts.
„Religion“ soll im Folgenden - im vollen Bewusstsein der Verkürzung,
die diese Vorstellung enthält - immer auch als affektive und motivatio-
nale Ressource® verstanden werden: Religiöse oder mystische, spirituelle
oder auf eine transzendente Erlösung bezogene Utopien und Denkwei-
sen dienen der Selbst- und Fremdmotivation, führen Ideen einer besse-
ren Gesellschaft mit und legitimieren diese. Umgekehrt dienen sie freilich
häufig auch der Rechtfertigung einer bestehenden, hierarchischen, unglei-
chen und ungerechten Gesellschaftsordnung. Beide Dimensionen können
am Verhältnis des Christentums, des britisch-kolonialistischen Raj-Staats,
der Theosophie und der von Annie Besant zeitweise angeführten indischen
Home-Rule-Bewegung nachvollzogen werden.
2.1 Die Theosophie als Religion?
In den theosophischen Lehren kommen westlich-esoterische, hinduistische,
buddhistische, neuchristliche und okkulte Einflüsse zusammen; aber auch
der (oft verkürzte) Verweis auf moderne Wissenschaften spielt stets eine
Rolle. Ob es sich nun bei der Theosophie - wie auch die Begründerin Mme.
staat - freilich auch bezweifelt werden; Mystiker machen nicht zwingend gute politi-
sche Denker. Vgl. Agnoli 2014, S. 127-140 für eine eher affirmative Lesart.
>Vgl. Hammer und Rothstein 2013, S. 5.
6Diese Denkschablone und Begrifflichkeit verdanke ich Chantal Mouffe, insbesondere
ihren Gedanken in Mouffe 2022. Mouffe wendet sich in diesem Essayband aber vor-
rangig dem Widerspruch links-rationaler Diskurse und affizierender Agitation (insb.
von rechts) zu, sodass die theoretischen Parallelen nicht weiter vertieft werden sollen.
Vgl. Hammer 2016, S. 253-259.
Blavatsky behauptete® - um eine Philosophie, eine Weltanschauung, eine
neureligiöse Bewegung oder eine „Religion“ (in Form einer Sekte) handel-
te, ist eine spannende Frage, deren Beantwortung hier aber zu weit führt.
Klar ist jedenfalls, dass sich Annie Besant vor der „Konversion” zur
Theosophie als Atheistin? beschrieb, danach nicht mehr; dass sie ihr Han-
deln und ihre Zielsetzungen nach der Konversion an hinduistischen Bräu-
chen und Vorstellungen ausrichtete, die durch die Lehren Blavatskys und
der verschiedenen Zweige der Theosophical Society (i.F. „TS”) geformt wa-
ren; dass sie die Institution der TS, deren Ressourcenapparat und Vernet-
zung nutzte, um ihre soziale Agenda voranzubringen, ganz ähnlich der
Nutzung einer kirchlichen Struktur für sozial(istisch)e zwecke.
Ein Unterschied besteht in der starken Staatsferne: Auch wenn die TS,
Mark Bevir zu Folge, im United Kingdom eine „genteel world“10 mit ent-
sprechendem Status darstellte, hatte sie weder dort noch in Indien — wo sie
in Opposition stand zum britisch gestützten Raj-Regime - eine staatstra-
gende Rolle. Es handelte sich um eine (pseudo-)religiöse Institution, aber
ohne die Staatsverwobenheit der Kirchen im Westen. Die TS konnte jeder-
zeit eine oppositionelle Rolle einnehmen.
Im Folgenden wird daher davon ausgegangen, dass wir die Theoso-
phie als eine „Religion“ im Sinne der für die Fragestellung relevanten
Spannungsfelder betrachten können. Ihre Inhalte sind transzendenter Her-
kunft;!! ihre Mittel sind spirituell;!? ihre Zielsetzung ist eine moralisch-
religiöse (vgl. hierzu auch 2.4); sie ist als semi-hierarchische Organisation
institutionalisiert; kurz: ihre Funktion ist die Weltorientierung während der
„Victorian crisis of faith“!® - und damit können wir sie als mindestens re-
ligionsanalog werten.
87Zur Einordnung der Theosophie im Selbst- und Fremdverständnis vgl. Hammer 2016,
S. 250f. Die Funktion der Theosophie wird hier auf den Punkt gebracht, eine „third
option besides dogmativ religion and materialistic science” zu repräsentieren.
°Besant und Mackay 2009, S. 158.
OBevir 1998a, S. 212.
!lVgl. Hammer 2016, S. 253-256.
12Vgl. ebd., S. 257.
BBevir 1998a, S. 212.
2.2 „Magic flourishes when materialism is rife“
It is not simply that occultism was a reaction against the increasingly dis-
credited materialism of the nineteenth century. Their relationship was more
dialectical than that.!*
Bereits angedeutet wurden die „oppositionelle” Rolle der Theosophie
und der TS sowie die viktorianische Glaubenskrise (v.a. in England). Bei-
de Phänomene hängen eng zusammen und bezeichnen das intellektuelle
und spirituelle Klima, in dem sich die TS und auch Annie Besant beweg-
ten. Während spiritualistische Bewegungen durch das 19. Jahrhundert hin-
durch vor allem nach Belegen für ein Leben nach dem Tod gesucht hatten
— Seancen, Geistersichtungen -, wandelte sich diese Suche nun zu einer
von Jenseitsvorstellungen unabhängigen, sozusagen „immanenten” Jagd
auf das Mystische.
Immaterielles sollte nachgewiesen werden, in Abgrenzung zum herr-
schenden wissenschaftlichen Materialismus; mystische Erfahrungen wie-
derum sollten im wissenschaftlichen Weltbild verankert werden; und zeit-
gleich kamen erste „Skeptikerbewegungen” auf, die Immaterialitäts- und
mystische Vorstellungen durch Wissenschaft als Humbug aufzudecken ver-
suchten. Wir befinden uns zwischen „mystical positivism” und „positivi-
stic mysticism”.!?
Gegenkulturelle und oppositionelle Bewegungen fanden nun Veranke-
rungen in allen diesen Strömungen. „Unofficial culture was a kind of mud-
dy marsh at the fin de siecle, one in which positivists and vivisectionists,
socialists and theosophists, freely cross-fertilized in a search for meaning
amid the confusion.“Beaumont 2010, S. 223 Die Krise des Materialismus
führt zu einer Suche auf abseitigen Pfaden; die ausgetretenen und herr-
schaftsaffinen Pfade der etablierten Religionen konnten nicht für alle Ant-
worten bieten, und daher keimte -— wohlgemerkt: in den entsprechend be-
güterten Milieus; wir sprechen von einer elitären Szene, einer „genteel
world” - eine oft auch spirituelle oder mystisch geprägte Gegenkultur.
M4Beaumont 2010, S. 217.
Vgl. zu dieser Darstellung und Begrifflichkeit sowie zum Zitattitel des Kapitels ebd.,
217f.
2.3 Mystizismus, Sozialismus
Ehe wir uns Annie Besants eigenem Lebensweg!® zwischen den verschiede-
nen politischen und weltanschaulichen Polen zuwenden, besehen wir uns
kurz die Zusammenhänge von Spiritualismus, Mystizismus und Sozialis-
mus. Mystisch-spirituelle Weltanschauungen bieten eine Überwindungs-
und Befreiungshoffnung, eine Heilserwartung; dies teilen sie mit dem So-
zialismus, aber auch etwa mit der Homosexuellen-, der Suffragetten- und
der Frauenbewegung.
Nach dem Erfolg der Industrialisierung und der Festigung von „Klas-
sengegensätzen” im Verlauf des 19. Jahrhunderts war die Hoffnung auf
eine sozialistische Revolution oder eine durchschlagende Reformierung
der Produktionsbedingungen geschwunden: „In the late 1880s and in the
1890s, socialists could not confidently anticipate an imminent transformati-
on of society.”!7 Die Attraktivität nicht-materieller Überwindungsperspek-
tiven stieg dadurch rasant an.!® Spiritualismus (aus dem die TS zumin-
dest in ihrem Rückbezug auf Blavatsky hervorging) wurde zu einem Inter-
essensgebiet verschiedener „radical reform“-Gruppen.!”. Die Theosophie
konnte daher um die Jahrhundertwende als Teil einer „vast liberation mo-
vement designed to topple the materialistic, patriarchal, capitalistic, and
utterly philistine culture of the Victorian Age”?" betrachtet werden.
2.4 Die Ziele der TS zwischen Individuum und Kollektiv
Eine spannende Fragestellung ist die nach der generellen Handlungsorien-
tierung der verschiedenen Mitglieder verschiedener Gruppierungen. Wir
haben bereits etabliert, dass wir es mit einem latent elitären, bürgerlichen
oder Mittel- bis Oberklassenphänomen zu tun haben. Denkbar ist, dass ein
Unterschied zwischen säkular-marxistischen, massenrevolutionären Bewe-
gungen und mystisch orientierten Organisationsformen - insbesondere der
l6Vgl. auch die Zeitleiste in Tabelle 1 im Anhang.
7’Beaumont 2010, S. 225.
18Epd., S. 225.
’Nachwirkungen dieser Bedeutung fanden noch in der starken Bedeutung esoterisch-
okkulter Bewegungen der Gegenkultur der 60er und 70er Jahre finden lassen, vgl. etwa
die tragende Bedeutung des Okkultismus für „ILLUMINATUS!”, Shea und Wilson
1975.
0 Beaumont 2010, S. 223.
Theosophie - in einer individualistischen Handlungsorientierung (bei ggf.
kollektivistischen, sozialistischen Zielsetzungen) besteht. Diese ist jeden-
falls feststellbar in Kontrast zu dogmatischen Religionen, in denen eine
Wahrheit offenbart und von den Gläubigen übernommen wird; es geht in
der Theosophie stets um das „Selberdenken”, wie auch an der Zielsetzung
der TS ablesbar wird.
Dieses „Programm“ der TS interessiert hier auch als Umwelt und Grund-
lage der Entscheidung Annie Besant, zur Theosophie zu konvertieren. 1877
veröffentlichte die Mitgründerin der TS, Helena Blavatsky, ein „statement
of purpose” der Organisation:
to form a nucleus of the Universal Brotherhood of Humanity, without distinc-
tion of race, creed, sex, caste or color; to encourage the study of comparative
religion, philosophy and science; and to investigate the unexplained laws of
Nature and the powers latent in man.?!
Insbesondere die (mit sozialistischen Vorstellungen, etwa einem „soci-
al improvement” 2, kompatible) Zielsetzung der „Universal Brotherhood“
wird uns im Weiteren noch beschäftigen.
3 Christentum, Säkularismus, Theosophie —
Frauenrechte, Sozialismus, Unabhängigkeit
Das im TS-Programm genannte „vergleichende Studium von Religion, Phi-
losophie und Wissenschaft” wäre ein geeigneter Titel einer Biographie An-
nie Besants: Diese Themen beschäftigten sie ihr ganzes, fast YDjähriges Le-
ben. Auch die „Erforschung unerklärlicher Phänomene” begleitete sie zeit-
lebens.
Die folgenden Überlegungen zum Spannungsfeld von Religion und So-
zialismus orientieren sich biographisch?? an Annie Besants Lebensweg. Da-
bei sind zwei wesentliche Kipppunkte bedeutsam, die in einen relativ en-
?!Tumber 2002, S. 23.
Ebd.
23Zur folgenden Darstellung vgl. die Biographien von Arhur H. Nethercot, „The first
five lives of Annie Besant“ und „The last four lives of Annie Besant”, 1960/63, sowie
Carolyn 2013, S. 225-228.
gen Zeitabschnitt fallen: Ihre „Konversion“ zum (fabianistischen) Sozialis-
mus ca. 1885°* und ihre Konversion zur Theosophie (18897).
3.1 Auf dem Weg zum Sozialismus
Aufgewachsen als „devout young Christian”? heiratete sie 1867, um ihr
20. Lebensjahr, einen anglikanischen Pastor. Die (nie geschiedene) Ehe zer-
brach ca. 1873, nach der Geburt zweier Kinder, auch an ihrem Abfall vom
christlichen Glauben?; dieser wurde noch verstärkt durch die sich an-
schliefßenden Rechtsstreitigkeiten über das Sorgerecht für die Kinder. Be-
sant begann dann, sich in säkularen und antireligiösen Kreisen zu enga-
gieren. Sie wurde „freethinker, then an atheist and a scientific materialist,
and eventually England’s most prominent female advocate for secularism
and free speech.”?® Eine wesentlichen Rolle spielt hierbei der Kampf um
die freie Rede über Verhütung und Birth Control - wovon in Abschnitt 4.5
noch zu sprechen sein wird.
In den 1880er Jahren wandte sie sich dann - konfligierend mit den Vor-
stellungen einiger Freunde bei der National Secular Society?” - dem So-
zialismus zu und schloss sich der Fabian Society” an. Wie schon in ihren
„säkularen“ Jahren trat sie vor allem publizistisch in Erscheinung: „[F]rom
January 1883 to December 1888 [she]Jedited her own journal, Our Corner,
which became a key socialist publication of the era.“?! Der Bruch mit dem
säkularen Lager ist aus heutiger Sicht nur verständlich unter dem Ein-
MBesant 1886.
Besant 1889.
2?°Carolyn 2013, S. 226.
27Das anti-christliche „Erweckungserlebnis” lag vor allem in einer langen Krankheit ihrer
Tochter Mable: Besant konnte nicht mehr an einen Gott glauben, der derartiges Leid
Unschuldiger verursachte oder tolerierte. Auf die - auch das Verhältnis englischer
und irischer Einflüsse in ihrer Biographie betreffenden - verschiedenen Affinitäten zu
Katholizismus, Protestantismus, Evangelikalismus und Anglikanismus kann hier nicht
eingegangen werden, zumal die spätere säkulare und dann hinduistische Prägung für
die Fragestellung bedeutsamer sind. Die Konflikte werden u.a. in MacKays Vorwort zu
Besant und Mackay 2009, S. 17-28 angeschnitten.
28Carolyn 2013, S. 226.
2Es kam darüber sogar zum Bruch mit ihrem atheistischen „Mentor“ und Mitherausge-
ber Charles Bradlaugh, vgl. ebd.
[Mliddle-class advocates of parliamentary socialism through incremental reform.” Vgl.
Carolyn 2013, S. 227.
I Epd.
30
druck, dass sich der individualistische „Free Speech”-Ansatz wenig mit der
kollektivistischen Orientierung des Sozialismus vertrug. Besant avancierte
in diesem Zeitraum auch zur Agitatorin und Aktivistin: Sie war am „Bloo-
dy Sunday”?? 1887 und - mindestens gewerkschaftlich und publizistisch -
am Match Girls’ Strike 1888 beteiligt.
Das einende Moment ihrer christlichen und freidenkerischen Überzeu-
gungen mag der Bezug auf die Religion sein — denn auch in ihrer (kurzen)
säkularen, atheistischen Phase bleibt die Religion bestimmend, wenn auch
als negative Idee, als Feindbild.
Das einende Moment ihrer freidenkerischen und sozialistischen Bestre-
bungen ist, dass sie sich gegen staatliche und kirchliche autoritäre Weisun-
gen zur Wehr setzen und empfundene Ungerechtigkeiten beheben wollte.
Die Wahl der Mittel ihres Engagements waren vor allem publizistischer
und organisatorischer Art: Sie verfasst Monographien, editiert Zeitschrif-
ten und unterstützt Veranstaltungen - von Freidenkerkongressen bis hin
zu Streiks.
3.2 Die Konversion zur Theosophie
Vielleicht kann Besants Übernahme sozialistischer Überzeugungen bereits
als erstes Anzeichen gedeutet werden, dass ihr nach ihrer Abwendung vom
Christentum die reine „Negativfolie Religion“ als Handlungsmotivation
und „Sinnstiftung” nicht ausreichte: Sie brauchte einen „höheren” Zweck,
aber insbesondere wohl auch einen nicht-materialistischen. In ihrer (zwei-
ten) Autobiographie schreibt sie über einige der Gründe ihrer theosophi-
schen Bekehrung:
It is not possible for me here to state fully my reasons for joining the Theo-
sophical Society. [...] The founders of the society deny a personal God, and a
somewhat subtle form of Pantheism is taught as the Theosophic view of the
universe, though even this is not forced on members of the society. I have
no desire to hide the fact that this form of Pantheism appears to me to pro-
mise solution of some problems, especially problems in psychology, which
Atheism leaves untouched.”°
Vgl. das Vorwort zu Besant und Mackay 2009, S. 16. Ihre Beteiligung an diesem „Irish
Home Rule“-Aufstand entsprang sicherlich auch ihrer eigenen irisch konstruierten Na-
tionalidentität: „full three quarters of my blood are Irish”, wie sie in ihren „Autobio-
graphical Sketches” schreibt. Vgl. ebd., S. 57.
®Besant 1893, Ch. XIV.
10
1889 fiel ihr dann, wohl von George Bernard Shaw vermittelt, ein Rezen-
sionsexemplar von Helena Blavatskys The Secret Doctrine in die Hände. In
der „Autobiography” schreibt sie darüber (Kapitel XIV): „[IT]he light had
been seen, and in that flash of illumination I knew that the weary search
was over and the very Iruth was found.” Kurz darauf traf sie Blavatsky
persönlich und fühlte sich ab diesem Zeitpunkt „magnetisch””* von den
theosophischen Lehren angezogen.
Dass dieser Schritt keineswegs einen Bruch, sondern lediglich einen in-
tellektuellen und spirituellen Wendepunkt darstellt, beleuchtet Carol Mac-
Kay: Besants „conversion to Theosophy was less a sudden change than the
outgrowth of an ongoing quest for understanding the nature of human
existence.“” Gerade in der in theosophischen Lehren immer mitgeführten
Bezugnahme auf hinduistische und buddhistische Lehren fand Besant Ant-
worten auf ihre drängende Frage nach dem Grund und der Funktion des
innerweltlichen Leidens: Karma und Reinkarnation.”®
Und in der Theosophie fand sie auch eine neue „motivationale Ressour-
ce” für ihren Kampf gegen die sozialen und materiellen Übel der Welt:
Ever more and more had been growing on me the feeling that something
more than I had was needed for the cure of social ills. The Socialist position
sufficed on the economic side, but where to gain the inspiration, the motive,
which should lead to the realisation of the Brotherhood of Man???
Am materialistischen Sozialismus fehlte ihr also die Rückbindung an
„Inspirationen“ und „Motive“ oder „Handlungsleitung”. Der Materialis-
mus gab ihr generell weder auf von ihr (scheinbar) beobachtete Phänome-
ne - im ersten Kapitel der „Autobiography” schildert sie ihren Bezug zu
Geisterwesen und familiäre „Erfahrungen“ ”® mit Reinkarnation oder See-
lenwanderung - noch auf die großen Sinnfragen eine Antwort.
Ein weiteres Argument für ihre Konversion: Aus Besants Sicht waren die
theosophischen Lehren auch mit dem Stand der Wissenschaft kompatibel
- die Wiedergeburt der Seelen und die karmatische Vervollkommung über
Beaumont 2010, $. 225.
95MacKay 2017.
36Wessinger 2013, S. 36.
°7Besant 1893, Ch. XIV.
38Sie „connect[s] her Irishness with her acknowledged mystical propensity“, wie MacKay
anmerkt: Besant und Mackay 2009, S. 22.
11
viele Inkarnationen entsprach in gewisser Weise einem evolutionären Ver-
ständnis; es stellte den Versuch dar, den Gedanken der Evolution von der
Physis auf die Spiritualität zu übertragen.” Der Pantheismus schien ihr, im
Gegensatz zum Glauben an einen persönlichen Gott, ebenfalls konsistenter
mit einem modernen wissenschaftlichen Weltbild vereinbar.?"
Die Reaktionen auf ihre positive Stellungnahme zu Theosophie und zu
Blavatskys „The Secret Doctrine” scheinen sie weiter aus dem säkularen
und Freidenkerlager exkludiert zu haben - auch, weil ihr dort nicht mit
der von ihr erwarteten oder unterstellten Toleranz und Offenheit begeg-
net wurde.*! In Sachen Sozialismus war die Sache zunächst anders gela-
gert: Sie blieb nach der Konversion noch 18 Monate Mitglied der Fabian
Society - und sah hier nur geringe Widersprüche.?? Dies mag darauf hin-
deuten, dass ihre Zielsetzung, die sich vielleicht hinreichend konkret im
programmatischen TS-Ziel der „Universal Brotherhood” zusammenfassen
lässt, keine weltanschauliche Distanzierung von einem reinen Sozialismus
voraussetzte.
Wie schon erwähnt, dienten mystifizierende, spirituelle Bewegungen im
19. Jahrhundert auch dazu, über die Stagnation der Reformerfolge des So-
zialismus hinweg zu täuschen und vielleicht auch zu -trösten. Die „Univer-
sal Brotherhood” als „Utopian concept at once both gradualistic and mes-
sianic, democratic and elitist” zog enttäuschte Sozialreformerinnen und So-
zialisten gleichermaßen an.*? Und daher ist es zwar keine notwendige, aber
eben auch keine unmögliche, also eine kontingente Entwicklung, dass „in
the years leading up to An Autobiography [1893, Anm. DS], [Besant] slow-
ly transforms from the rationalist Enlightenment voice of secularist free
thought to the mystical voice of theosophical socialism.”*
PBevir 1998a, S. 216.
#MacKay 2017.
41 Auf eine Invektive reagierte sie in einem Aufsatz: „It is not consistent with Freethought
traditions to gratuitously attack a person and then decline discussion”, zitiert nach
ebd.
#2Beaumont 2010, S. 228.
®Ebd., S. 225.
Carolyn 2013, S. 239.
12
3.3 Nach der Konversion: Hinduismus und Agitation
1893 besuchte Besant zum ersten Mal Indien, 1898 wird sie ihren Wohnsitz
komplett dorthin verlegen.?? Sie wollte in Indien, eigenen Aussagen zufol-
ge, den hinduistischen Ursprüngen ihrer neuen Überzeugung nachspüren.
Daher war ihr Plan, nur religiös und spirituell, nie politisch aktiv zu sein®®
- ein Vorsatz, der gründlich misslang. Ihr vielfältiges (karitatives, aber auch
sozialistisch motiviertes) Engagement für die Armen und Kranken Indiens,
die „Unberühbaren“”, die Schulbildung und die Gleichberechtigung der Ge-
schlechter über die nächsten 35 Jahre zu beschreiben, sprengt den Rahmen
dieser Arbeit. An dieser Stelle soll daher ein zentraler Komplex beleuch-
tet werden, der exemplarisch für das Changieren ihres Denkens zwischen
religiös-spirituellen und politischen Zielen steht: Besants Engagement für
eine national und hinduistisch gedachte Befreiung Indiens vom kolonialen
und imperialistischen britischen Weltreich, zusammengefasst unter dem
Schlagwort „Indian Home Rule“.
3.3.1 Raj: Christentum vs. Hinduismus
Die britische Herrschaft in Indien war vor allem durch das Raj-Regime
(wörtlich: Königreich) repräsentiert. Dieses System der britischen Direkt-
herrschaft — etwa unter Queen Victoria als „Kaiserin“ Indiens — beruh-
te in seiner Legitimation stark auf einem (evangelikalen“”) Christentum.
Die Theosophie als Glaubenssystem „championing Indian religions“*® wie
Hinduismus und Buddhismus stellte die darin proklamierte christliche
Überlegenheit in Frage - und zwang damit auch Besant zu einer raschen
und eindeutigen Positionierung gegen den Raj.”?
Während die Verlautbarungen und die Propaganda des Raj eine positive
Zukunftsvision für Indien in Verwestlichung und Christianisierung veror-
teten, stellten Theosophinnen wie Annie Besant eine hinduistische religiöse
SBevir 1998b, S. 3.
%Ehd.,S.3.
#Bevir 1998a, S. 214.
#Epd., S. 211.
#Thre „theosophy necessarily involved her in the promotion of Indian culture in what
was an inherently political manner. The legitimacy of the Raj, as of the British Empire
as a whole, rested on a distinctive, Christian discourse.” Bevir 1998b, S. 3.
13
Renaissance ins Aussicht.’ Nur durch eine kollektive, „true self restoration
of India” inklusive der indischstämmigen Religionen könnte die britische
Herrschaft überwunden werden. Diese auf die indische Kultur und den
Hinduismus bezogene Revitalisierungs-Mission Besants erfuhr sie selbst
als göttlichen Auftrag.?!
An dieser Stelle sei angemerkt, dass eine Kritik am dem Raj zugrun-
deliegenden Christentum freilich auch atheistisch denkbar gewesen wäre.
Eine aus ihrer säkularen Phase stammende, materialistisch-sozialistische
oder gar marxistische antiimperialistische Kritik des Raj-Christentums als
Überbau der kolonialen Herrschaft hätte den Vorteil gehabt, auch am Hin-
duismus und am Kastenwesen, der Benachteiligung von Frauen etc.” Kri-
tik üben zu können - durch ihren theosophischen Weg war Besant aber
darauf festgelegt, den Hinduismus nur moderat zu kritisieren. Es ist al-
lerdings fraglich, ob Besant ohne ihre Begeisterung auch für den Hinduis-
us” überhaupt je nach Indien gegangen wäre und ob sich durch eine
atheistische Kritik hinreichende Motivation und eine befriedigende Utopie
hätten etablieren lassen.
3.3.2 Agitation, Indian National Congress, Hausarrest
Ihre publizistische Tätigkeit in Indien sowie ihr Eintreten für Indian Home
Rule, eine positive Darstellung des Hinduismus in von ihr begründeten
Bildungseinrichtungen sowie ihr Engagement in Organisationen wie der
„Indian Home Rule League” zogen nach und nach Repressionen des Raj-
Regimes auf sie. Diese kulminierten in den 1910er Jahren.
Unter Rückgriff auf ihre noch in England gesammelten Erfahrungen mit
„techniques of agitation she had acquired as a radical secularist”°* stemm-
te sie sich gegen die Kolonialherrschaft, publizierte und organisierte Ver-
sammlungen. Bereits 1916 wurde ihr verboten, bestimmte indische Terri-
torien zu betreten; sie musste für weitere Pressetätigkeiten Kautionen für
den Fall von Zensurverstößen hinterlegen; und 1917 wurde sie schließlich
S0Bevir 1998a, S. 221.
51 Just as Olcott [TS-Mitgründer, Anm. DS] had devoted himself to the revival of Bud-
dhism in Ceylon, Besant felt called by the Masters to promote a revival of Hinduism
in India.” S. Wessinger 2013, S. 37.
Vgl: hierzu Bevir 1998a, 219f.
Vgl. hierzu Nethercot 1963, S. 315.
Bevir 1998a, S. 213.
14
3 Monate unter Hausarrest gestellt.” Nur wenige Monate nach Ende die-
ses Arrests wurde sie kurzzeitig zur ersten Präsidentin des Indian National
Congress gewählt, einer bis heute bestehenden progressiven indischen Par-
tei.”
3.3.3 Das Ende von Annie Besants politischer Karriere
Auch in Indien geriet Besant also in Konflikt mit Politik- und Rechtssystem;
auch hier sammelte sie aber schnell populäre und publizistische Erfolge
und wurde bekannt und (partiell) beliebt. Sie blieb bis an ihr Lebensende
1933 in Indien politisch aktiv, aber ihre politische „Karriere“ endete um
1919. Nach dem Amritsar-Massaker, bei dem britische Truppen hunderte
unbewaffnete Inderinnen und Inder getötet hatten, kommentierte Besant
dieses Ereginis in einem Editorial. „Besant’s comments were misunder-
stood by the Indian public as condoning the massacre, and her Indian poli-
tical career was essentially over.”? Diese Vorwürfe sind zugespitzt - Besant
hat niemals die Tötung Unschuldiger begrüfst oder verteidigt —, aber nicht
aus der Luft gegriffen. Bedeutsam für ihr politisches Denken ist, dass sie
hier wie anderswo für einen starken Staat optierte, der gegen alle Formen
von gewalttätigem Aufruhr und Blutvergießsen vorzugehen habe.
1919 musste sich Besant außerdem dem inzwischen an die Spitze der Na-
tionalbewegung avancierten Mahatma Gandhi geschlagen geben - nicht,
ohne seine Deindustrialisierungsbestrebungen und seine generelle Strate-
gie als naiv, idealistisch und gefährlich zu kritisieren („if successful [it]
would end in the ruin of the country and almost surely in riot and bloods-
hed if it failed”°®). Diese Kritik blieb Zeit ihres Lebens bestehen: Gandhis
als „gewaltfrei” titulierter Widerstand, der immer wieder zu Gewalt und
Gegengewalt führte, widersprach ihrer eigenen, reformistischen und prag-
matischen Auffassung. Gandhi schätzte nach Besants Meinung die Men-
schen zu selbstlos und ethisch orientiert ein, was zu unbedachten Protesten
und Exzessen der Gewalt führte.
In den letzten Jahren ihres Lebens befasste sie sich, der Darstellung von
Arthur Nethercot zu Folge, mit verschiedenen Rechtsstreitigkeiten in Eng-
Bevir 1998a, S. 224.
56 ‚The progressive soul of India“ laut Partei-Website inc.in. Abruf am 2.9.2023.
7Wessinger 2013, S. 40. Vgl. a. Nethercot 1963, S. 288, 291-304.
Ehd., S. 331.
15
land, neuen Bündnissen mit der britischen Führungsriege in Indien und
der Erziehung und Begleitung Jiddu Krishnamurtis, des von ihr prokla-
mierten und in Esoterikkreisen bis heute bedeutsamen „World Teacher“.
Zwar erzielte sie” noch einige temporäre Erfolge in ihrer Konkurrenz mit
Gandhi um den Einfluss auf indisch-nationale Bewegungen, aber der Zenit
ihrer Öffentlichkeitswirkung war deutlich überschritten.
4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Denken
und Handeln durch die Konversion
[Besant] can look back in all three post-conversion narratives to a materialist
self who was yearning for a belief system that would encompass her evolving
socialist and suffrage concerns—and not disown those important aspects of
herself.0
Besants „Konversion“ ist, wie erwähnt, keineswegs ein harter Bruch; ihr
theosophisch geprägtes Denken und Handeln nach 1889/90 kann durch-
aus als Fortsetzung der vorherigen säkularen Orientierung gedeutet wer-
den: „there is more continuity between Besant’s Secularist years and her
Theosophical perspective than is usually recognized”®!.
4.1 (Im-)Materialismus
Freidenkertum und Religion waren aus ihrer Sicht vereinbar für den, „who
weighs its claims without prejudice, and accepts or rejects it out of loyalty
to truth alone“. Dies schloss auch nicht aus, „materialistisch“ und gleich-
zeitig theosophisch zu denken - sofern kein zu enger Begriff des Materia-
lismus zugrunde gelegt würde. Denn weder die dogmatischen Lehren des
Christentums (und allgemein der Offenbarungsreligionen) noch die - eben-
falls dogmatische — generelle atheistische Zurückweisung von Antworten
auf transzendente Sinnfragen („What is Life?”, „What is Thought?”) schie-
nen ihr befriedigend.
”Nethercot 1963, Vgl. S. 346f.
60MacKay 2017.
End.
62Why I became a Theosophist, zitiert nach ebd.
16
Sie lehnte „Übernatürliches“ ab, nicht aber die Existenz gemeinhin damit
bezeichneter Phänomene; ihre Lösung - darin Blavatsky nicht unähnlich -
war, auch Hellsichtigkeit, Gedankenübertragung, Mesmerismus, Hypnose
als „natürliche“ und damit materielle Phänomene zu verstehen, denen man
experimentell, empirisch, sinnlich nachgehen kann.
Eine wesentliche Rolle spielten für Besant auch immer traditionell re-
ligiös oder spirituell verortete Handlungs- und Erlebnisfelder wie Ritual,
Musik, Inszenierung. Es ist daher kein Wunder, dass sie schon zu ihren Zei-
ten in der Free-Speech-Bewegung „a secular song and hymn book, and [...]
a secular funeral service“* entwickelte: Auch in den „säkularen“ Jahren
wollte sie auf diese „spirituellen“ Techniken nicht verzichten.
4.2 Eine sozialistische Agenda
Besants Ziele und Handlungsmotive waren ihr ganzes Leben über konsis-
tent, wenn auch nicht identisch - auch nach der Konversion bleibt sie einer
„Socialist agenda that she hopes will better the material conditions of the
poor” treu: „I believe that the poverty is the result of ignorance and of bad
social arrangements, and that therefore it may be eradicated by knowledge
and social change.” Die (scheinbaren) Bruchlinien der Biographie ihres
Denkens fielen ihr selbst auf, sodass sie zu einer Art „Montagetechnik”
greift, um in ihrer zweiten autobiographischen Arbeit („An Autobiogra-
phy“, 1893, nach „Autobiographical Sketches”, 1886) ihren intellektuellen
Weg zu beschreiben:
Besant’s Autobiography, written once she had fully transitioned from scien-
tific to theosophical socialism, draws on various conversions and deconver-
sions throughout her life to create the sense of a fluctuating self and an
ephemeral authorial voice.6©
Auf die Problematik eines solchen Materialismus-Begriffs, der keine positivistischen
Grenzen kennt, kann hier nicht eingegangen werden, zumal sie für unsere Fragestel-
lung unerheblich ist.
6#Besant und Mackay 2009, S. 32.
65MacKay 2017.
66Für Elisabeth Carolyn ist dies ein Anzeichen der „crisis in print and authorship at the
end of the nineteenth century“, Carolyn 2013, S. 228. Auf diese geistesgeschichtlich
bedeutsame Entwicklung kann hier nicht weiter eingegangen werden, aber auch dies
ist ein Beleg für Besants spezifisch moderne Ausrichtung, auf die in Abschnitt 5 noch
einmal eingegangen wird.
17
Konversionen und „De-Konversionen” strukturieren die dialektische®”
Erzählung ihrer Geschichte und erlauben es, die Kontingenz des Denkens
- geformt durch Bekanntschaften, politische Ereignisse, aber auch durch
religiöse Erlebnisse und nicht zuletzt Konflikte mit dem Gesetz - in eine
narrativ überzeugende Form zu bringen. Dass sie sich auch in Indien so-
wohl für die entrechteten Individuen wie auch für die „Klassenfrage” der
imperialistisch Beherrschten einsetzte, dies aber zwischen Staatstreue und
Anti-Raj-Agitation changierend tat, ist deutlich die Fortsetzung ihrer briti-
schen Wurzeln aus Sozialismus und Freidenkertum: radikal, aber gewalt-
frei, und dabei mit einem klaren Blick auf die realen Verhältnisse (dessen
Fehlen sie Gandhis ‚idealistischer” Gewaltfreiheit vorwarf).
4.3 Theosophical Socialism zwischen Individualismus und
Kollektivismus
Der Konvergenzpunkt des „theosophical socialism” ist, wie bereits ausge-
führt, das Konzept der „Universal Brotherhood”, mit einem klaren Schwer-
punkt auf den „[metaphysics] that underpinned a moral landscape” -
mit einem Fokus also auf tendenziell Transzendentem, wodurch die ma-
teriellen und (konventionell verstanden) materialistischen Fragen in den
Hintergrund rücken. Beaumont geht so weit, zu konstatieren, dass Besants
sozialistisch-universalistische Ideale in diesem Begriff „konserviert, viel-
leicht mummifiziert” werden.°” Was aber bleibt ist ein individualistisches
religiöses Selbstverständnis: Es geht weniger um Glaube als um „Empirie”
des Spirituellen; um individuelles Erforschen, nicht um Hörigkeit. Aber
sie wandte sich auch - sowohl vor als auch nach der Konversion’ - ge-
gen individualistische Vorstellungen und sah die Gesellschaft eher als „an
organism instead of as a bag of marbles” und sie funktioniere nur „in cor-
relation, not in independence“ .’!
67\Vgl. Carolyn 2013, S. 233.
6Beaumont 2010, S. 225.
®Ebd., S. 228.
70 [Individual submission to collective good was also Fabian orthodoxy and represents
a common thread in Besant’s evolutionary, Fabian, and theosophical interests. [...] In
such writings for Our Corner we can trace Besant’s anti-individualist, associative strain
of thought from evolutionary theory to Fabian socialism to theosophical mysticism.”
Carolyn 2013, S. 241.
IEbd., S. 241.
18
Bildung, Publizistik, Agitation und Konfrontation mit dem Staat und
„moderaten“ Kräften’? blieben konstante Motive und Techniken, von den
säkularen bis in die Home-Rule-Bestrebungen. Diese Techniken spielten
auch in den von Besant betriebenen Bildungseinrichtungen eine gewich-
tige Rolle. Sie nutzt dabei von Mark Bevir als „protestant notions of self
help” markierte Tugenden, „techniques of self-transformation”, um den
Agitationskampf gegen die Moderates fortzuführen: „duty, sacrifice, ser-
vice”7® - also eindeutig als individuell-individualistisch verstandene Tech-
niken. Pünktlichkeit, nahrhaftes statt schmackhaftes Essen, aufrechte Kör-
perhaltung, gleichförmiger Tagesablauf mit Aufsteh- und Bettgehzeiten —
hier klingt tatsächlich eher eine protestantische Ethik an als Freigeisterei.
Gleichzeitig kann man feststellen, dass diese Techniken im Verbund mit ei-
ner metaphysisch-spirituellen Legitimation und Narration hochfunktiona-
le Methoden des „emotional support” für Anhängerinnen und Anhänger
dargestellt haben dürften. Durch (Besant aus ihren radikalen Verbindun-
gen bekannte) Vergemeinschaftungssymbole und -rituale wie Bootsausflü-
ge, Tea Parties, Anstecknadeln, Jubiläen und Jahrestage usw. bewirkte sie
eine gewisse Festigung und Verstetigung der religiösen Rückbindung ihrer
Schülerinnen und Schüler, Mitstreiterinnen und Co-Autoren.
Dieses Spannungsfeld aus individualistischer, latent elitärer Handlungs-
orientierung bei kollektivistischer Zielsetzung wendet sich gleichsam ge-
gen Individualismus (gegen Christentum, Imperialismus, Kapitalismus, Li-
beralismus) und Kollektivismus (gegen ein pervertiertes Kastensystem, ge-
gen Kinderehen, für individuelles Wohlergehen).”* Oder in einer theoso-
phischen Formulierung: Echter, dauerhafter Wandel kommt aus dem Inne-
ren (was nicht zwingend individuell verstanden werden muss), und nur
aus einer moralisch-religiösen, hinduistischen „Renaissance” kann die „re-
vitalization of India” „through moral and social renewal to its political
end“ ausfließen.’?
72V gl. Bevir 1998a, 223f.
73Ebd., 222.
Aygl. hierzu ebd., 219f.
?5Ebd., S. 221.
19
4.4 Die Rolle der Religion im „theosophical socialism“
Die Religion — Theosophie oder auch Hinduismus - ist bei Besant also Ve-
hikel für die Perfektionierung des Menschen, auf die (zwangsläufig) eine
innerweltliche Erlösung von sozialen Missständen folgt. Dieser durchaus
„karmale” Glaube hinderte Annie Besant allerdings keineswegs, auch di-
rekte politische Agitation zu betreiben und (im weiteren Sinne) sozialisti-
sche Ziele zu verfolgen. In ihrer Lebenspraxis und ihren politischen Schrif-
ten folgte sie dabei nicht Blavatskys Diktum der sozusagen eremitischen
Selbstvervollkommnung als politischem Programm:
Blavatsky conveniently insists that theosophists need not be involved in poli-
tics themselves, for she was convinced that if spiritual self-education remai-
ned the primary concern of reformists, corrupt laws would simply collapse.
This was, however, consistent with the emphasis on intellectual and moral
transformation that shaped almost every variant of socialism, particularly
Fabianism, at this time.7®
Vielleicht war es die oftmals mehr hinduistisch als theosophisch anmu-
tende Religionsbeziehung Besants, die diesen rein individualistischen Weg
zur Weltverbesserung ausschloss; vielleicht war es Charakter. Jedenfalls
entstammte dem Hinduismus eine wesentliche Parallele zu sozialistischen
Programmen: Neben einem kollektiven „Brüderlichkeits”-Ideal auch eine
aktiv-gestaltende Seite (kein „sterile fatalism”); aber ebenso eine weltver-
neinende, antimaterialistische.’7
Auch die okkulten Bewegungen”® - sofern man diese in den Bezugsrah-
men Religion setzen möchte — wiesen in vielen Konfigurationen Parallelen
und Überschneidungen mit dem Sozialismus auf: Antimaterialistischer So-
zialismus war identitätsprägend für viele Sozialistinnen und Sozialisten
Ende des 19. Jahrhunderts, wie z. B. Julian Strube’? am Beispiel des fran-
zösischen Okkultismus zeigt.
76Beaumont 2010, S. 227.
7Ngl. hierzu die Darstellung in Bevir 1998a, S. 214.
78Okkultismus wird hier verstanden als „the need to resolve the conflict between science
and religion, a distancing from established forms of religion, the importance of the
spiritual realization of the individual, and a demarcation from other contemporary
heterodox movements” (Marco Pasi, zitiert nach Strube 2017, S. 569).
Ebd.
20
In der okkulten, antimaterialistischen und hinduistischen Theosophie
Besants kommen viele dieser Faktoren zusammen:
° individuelle Vervollkommnungsideen durch Techniken (zu denken
ist etwa auch an die Meditation);
e eine immanente und/oder transzendente Heilslehre;?
° eine teleologische Erwartung dieses Heils;®!
e eine Individuum und Kollektiv verbindende Mythologie, Utopie®?
und „Mechanik“ (etwa in Form von Partial- und Universalbewusst-
1831.
sein);
° eine karmal-religiöse (IS) bzw. wissenschaftlich-materielle (Sozialis-
mus) historische Evolutionslehre.
4.5 Die Frage der Geburtenkontrolle und der
Verhütungsinformation
Abschließend sei ein konkreter Konflikt zwischen religiöser und politischer
Überzeugung diskutiert, um die Positionierung von Besants Denken zwi-
schen beiden Sphären zu verorten. Ihre erste große Konfrontation mit der
restriktiven Gesetzgebung und Rechtsprechung des viktorianischen Eng-
land war der „obscenity”-Prozess, der ihr wegen der Verbreitung von In-
formationen über Verhütungsmittel 1877 gemacht wurde. Ihr damaliges
Pamphlet „The Law of Population” hatte strikt für Zugang zu Verhütungs-
mitteln, Abtreibung in gesundheitlich bedingten Fällen und eine sozialkon-
forme Bevölkerungsplanung votiert -— hier kamen also feministische und
sozialistische®* Zielsetzungen zusammen, denn es ging ihr auch um die
Minderung oder Verhinderung von materiellem Leid in der Arbeiterklasse.
80 Beaumont 2010, S. 220.
SIEHpd., 229f.
2Epd., 229f.
8Carolyn 2013, S. 232.
4 [S]he argues that access to birth control information constitutes a class issue, and she
posits that this access is an inevitability[.]* Im Anhang D4, Besant und Mackay 2009,
S. 352.
21
Sie wandte sich darin gegen zölibatäre Ideen Malthus’ als „unnatural and
harmful to health“.
Nach ihrer Konversion nahm sie einen gegensätzlichen Standpunkt ein:
„At this point, not only did she refuse to reprint The Law of Population, but
she prohibited sale of its copyright.”°° Ihr Argument war,?” dass die neo-
malthusische „Lösung“, die sie in „Ihe Law of Population” vertreten hatte,
keine echte Lösung sei: Die materialistisch-technische Bereitstellung von
Methoden der Empfängnisverhütung greife zu kurz, da dies die spirituelle
Seite ignoriere. Stattdessen empfahl sie „mastering sexual instincts, and
a form of asceticism that drew her closer to Malthus’ original thought,
even though she was mostly inspired by Eastern spirituality“®®
„reincarnational abstinence“®°.
Aber bereits in „An Autobiography” (1893) bereut sie diesen Schritt par-
tiell, vor allem aus Mitleid mit „the poor”, denen sie „a temporary pallia-
tive of evils which too often wreck their lives and bring many to an early
grave”?" entzogen habe. Soweit man dies der Literatur entnehmen kann,
brachte sie „The Law of Population” allerdings nicht wieder in Umlauf
und enthielt sich fortan einer klaren Position zum Thema Verhütung. Ge-
gen Ende ihres Lebens sprach?! sie aber u.a. auf der 50. Jahrestagung der
„Malthusian League” (1927) und teilte offenbar wieder deren Zielsetzung
der Reduktion der Bevölkerungsrate. Dennoch muss hier klar festgehalten
werden: Ihre religiöse Überzeugung sorgte dafür, dass sie nach ihrer eige-
nen Einschätzung relevante Informationen aus der Öffentlichkeit zurück-
zog und damit ihre eigene politisch-feministische Agenda unterminierte. In
diesem wie auch in anderen Fällen stach die Religion die politische Sphäre
aus.
- eine Art
®Pecastaing-Boissiere 2017, S. 107.
86MacKay 2017.
87 Pecastaing-Boissiere 2017, 107f.
88Ehd., S. 107.
®Carolyn 2013, S. 234.
°0MacKay 2017.
91Pecastaing-Boissiere 2017, S. 107.
22
5 Fazit: Selbstvervollkommung und
Reformsozialismus
It is only the transcendence of self— „sacrifice to something felt as greater
than the self” — that Besant can present as her overarching selfness.??
Religion ist, wie in dieser Arbeit gezeigt wurde, bei Annie Besant über
ihr ganzes Leben eine (selbst-) motivationale und (fremd-) agitatorische
Ressource der politischen Arbeit - ohne, dass dies behaupten will, dass sie
Religion instrumentalisiert oder benutzt: Ihre Bekehrung zur Theosophie
ist glaubwürdig und entspringt einem begründeten inneren Bedürfnis; und
auch die vorherige antireligiöse (oder besser: antichristliche) Einstellung ist
biographisch und „spirituell” verständlich.
Im Gegenteil entspringen viele Überzeugungen und politischen Ideen ih-
rem Verhältnis zur Religion. Nach ihrer Abkehr vom Christentum werden
die Ziele der säkularen Free-Speech-Bewegung die ihren, vor allem da, wo
sie mit Besants eigenen vorherigen Wertvorstellungen konvergieren. Nach
der Bekehrung zur Theosophie übernimmt sie nicht nur die politischen Im-
plikationen dieser „Religion“ oder Weltanschauung, sondern verlegt den
Schwerpunkt ihres Wirkens in das (scheinbare) Ursprungsland der Theo-
sophie, nach Indien. In England wie in Indien bedient sie sich radikaler
Methodik, opponiert und agitiert gegen empfundene Ungerechtigkeiten,
was sie zunächst zur fabianistischen und dann zur theosophischen Sozia-
listin macht.
Besant war immer auf der Suche nach „Höherem”, nach transzendental
verbindlichen Werten und Zielen, die ihre praktisch-politische und karita-
tive Arbeit lenkten. Sie war aber immer auch politisch Handelnde, deren
intellektueller und aktivistischer Weg von Nationen und Organisationen,
Verbindungen und Verbündeten, Konkurrenten und Kontrahenten mitge-
prägt war. Ihr Sozialismus ist ohne Rückbindung an Religion — ob pole-
misch oder affirmativ - nicht denkbar; ihre Religiosität nicht ohne soziale
und reformsozialistische Zielen.
Sie war, spätestens nach der theosophischen Bekehrung, höchst modern.°
Begriffe wie „Religion“, „Staat“, „Politik“, „Befreiung“, „Sozialismus“ zei-
gen sich hier als das, was sie in einer ambivalenten, reflexiven Moder-
92Carolyn 2013, S. 243.
Vgl. zu einer Abwägung „Victorian or Modern?“ Besant und Mackay 2009, S. 40-46.
23
ne sind: Begriffe. Sie stehen in polykausalen Wechselwirkungen und sind
selbst Umdeutungen und Vereinnahmungen ausgesetzt.
5.1 Primat der Religion
Insgesamt lässt sich bezüglich des Verhältnisses von Religion und Sozialis-
mus bei Annie Besant allerdings klar konstatieren, dass der Bezug zu Reli-
gion - als Feindbild der säkularen wie als empfundene Wahrheit - in den
meisten Belangen die Oberhand hatte. Besant konnte ihre Positionen zur
Empfängnisverhütung nicht aufrechterhalten, nachdem sie zu einem Rein-
karnationsglauben gelangt war; obwohl sie deutliche Belege hatte, dass ih-
re Anleitungen und Hilfestellungen zur Verhütung Leid minderten, zog sie
diese aus dem Verkehr. Und wo ihr eine materialistisch-atheistische Posi-
tion die Kritik sowohl am evangelikalen Christentum des Raj-Staats wie
auch der Unhaltbarkeit des Kastensystems und seiner sozialen Folgen er-
laubt hätte, konnte sie nicht umhin, als Theosphin-Hinduistin das Kasten-
system prinzipiell zu verteidigen und eine hinduistisch-nationale Kritik am
Christentum zu üben.
Ohne ihre tief empfundene und gegen alle praktischen Probleme ver-
teidigten weltanschaulichen Überzeugungen ist es andererseits unwahr-
scheinlich, dass Besant darartigen Einfluss hätte aufbauen und nutzen kön-
nen. Ohne die TS wäre sie schlicht nie in Indien aktiv geworden, ohne ihr
Bekenntnis zum Hinduismus nicht zu politischen Posten gekommen.
Ihr Lebensweg zeigt auch andere Konflikte zwischen Religion und Poli-
tik, transzendent-idealistischem und immanent-materialistischem Denken
auf. Beispielhaft scheint mir die noch immer aktuelle Frage, wie man als
säkulare Organisation — die NSS und die Free-Speech-Bewegung - damit
umgehen soll, wenn die eigene Toleranz durch (pseudo-) religiöse Beiträge
auf die Probe gestellt wird. An dieser Stelle ist Besant vielleicht auf eine
Weise naiv, wie sie es später Gandhi vorwerfen wird: Sie geht von kon-
sensorientiertem „Verstehenwollen” auf der Gegenseite aus und ignoriert
mögliche Agenden dieser Gegenseite, die auf Distinktion oder Dissens ab-
zielen. Ihre Orientierung bleibt auf (empfundene) „Wahrheit“ ?* fokussiert,
während ihre Umwelt möglicherweise ganz andere Ziele verfolgt.
94]n „Why I became a Theosophist“ schreibt sie: „I ask no other epitaph on my tomb but
SHE TRIED TO FOLLOW TRUTH“. Zitiert nach Besant und Mackay 2009, S. 24.
24
5.2 Latenter Elitarismus und die Suche nach der „Wahrheit“
Besant bleibt durch alle Stufen ihrer (Un-)Glaubensbekenntnisse mindes-
tens latent elitär. Ihr Verhältnis zu Streik und Arbeitskampf bleibt ambi-
valent, vor allem, wo Proteste in Gewalt oder Gegengewalt umschlagen
können. Sie ist keine Marxistin; polemisch könnte man sie eher als „Salon-
sozialistin” bezeichnen. Ihre Handlungsorientierung bleibt lebenslang eher
individualistisch, und darin auch einem liberalen Denken verpflichtet.
Sie ist Kind ihrer Zeit und sucht nach Wahrheit -— nach einer nachvoll-
ziehbaren, individuell erfahrbaren, aber kollektiv bindenden und diskur-
siv zu verteidigenden „höheren“ Wahrheit im doppelten Sinn: „Höher“
als transzendent verbindlich, „höher“ aber auch im subjektiven Sinn einer
Höherentwicklung und Selbstvervollkommnung. Sie sucht auch nach neu-
en Hoffnungen, und unter dem Eindruck der sozialen Verwerfungen ihrer
Zeit sucht sie weder Wahrheit noch Hoffnung nur im Sichtbar-Materiellen:
In a historical situation in which Utopian hopes of some imminent change
have been raised only to be disappointed, the vision of a new heaven comes
to occupy the space previously inhabited by the vision of a new earth. In
the late 1880s and the 1890s, it became apparent that capitalism was not
on the point of evolving peacefully and, in the foreseeable future, into a new
species of society. Capitalism was more robust than many commentators had
expected.”®
Gerade die Fabian Society und die IS erlaubten es Besant, dabei prin-
zipiell in ihrer elitären Sphäre zu verbleiben.” Hier passen die politische
Ausrichtung - elitärer Reformsozialismus — und die Lehre der Theosophie
- individuelles Studium und subjektive Vervollkommung”” - ideal zusam-
men.
%Beaumont 2010, S. 230.
% ‚Besant’s doubts about democratic Enlightenment [...] drew her to the Fabian Society
as opposed to the more democratic socialist groups, as well as to esoteric theosophy.”
Carolyn 2013, S. 241.
97 ‚The esoteric qualities of theosophy - a system of belief that demanded perpetual study
and the pursuit of wide knowledge - fit in with a broader tendency among some so-
cialist writers [...] to purposefully obfuscate their prose so as to defamiliarize the print
interface, to break away from the easily digested pap of mass print. However, cryptic
theosophical allusions could also function in an elitist way to delimit an audience apart
from the expansive public of mass print[.]* ebd., S. 224.
25
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Tumber, Catherine (2002). American Feminism and the Birth of New Age Spiri-
tuality: Searching for the Higher Self 1875-1915.
Wessinger, Catherine (1. Jan. 2013). „The Second Generation Leaders of the
Theosophical Society (Adyar)“. In: Handbook of the Theosophical Current.
Brill.
27
A Anhang: Timeline Annie Besant
Jahr Ereignis Religion Ziele Wo
1847 | Geburt e UK
1867 Heirat mit einem anglikanischen Pas- C UK
tor, zwei Kinder
1873 verlässt den Pastor nach u.a. Glaubens- ? UK
streitigkeiten
1874 beginnt, für National Secular Society Sec Fem, Sec, FS UK
zu schreiben
[1875] | [Gründung der Theosophical Society] UK
1877 kämpft für Recht auf Geburtenkontrol- Sec Fem, Sec, FS UK
le, publiziert Verhütungs-Apologetik -
und wird dafür verfolgt
[1877] | [Isis Unveiled erscheint]
1878 Verliert das Sorgerecht an ihren Kin- Sec Fem, Sec, FS UK
dern an den Ex-Mann, v.a. wegen ihrer
areligiösen und feministischen Ansich-
ten
1879ff | Studium (v.a. Naturwissenschaften) Sec Fem, Sec, FS UK
Ab 1885 | Identifikation als Sozialistin (fabianis- Sec Fem, Soz UK
tisch, weniger marxistisch)
1885 Publikation: „Autobiographical Sket-
ches“
1887 | Beteiligung am Bloody Sunday (iri- Sec Soz, Irish HR UK
scher Aufstand)
1888 | Beteiligung am Match Girls’ Strike Sec Fem, Soz UK
(Aufstand von Streichholzfabrikantin-
nen); wird ins London School Board
gewählt
[1888] | [The Secret Doctrine erscheint]
1889 Berichtet über London Dock Strike Th Fem, Soz UK
(eher streik-avers); rezensiert Blavatsky
und konvertiert
1890 Trifft Blavatsky Th Fem, Soz UK
28
1891
1893
1893
1894f
1898
1902
1906
1907
1909/10
1914
1916
1917
1919
1929
1933
Blavatsky stirbt; Besant wird zu einer
der wichtigsten Führerinnen der TS
Reist nach Indien; die TS spaltet sich
(US vs. Adyar)
Publikation: „An Autobiography”
lernt Leadbeater kennen; v.a. mystische
Orientierung
Emigration nach Indien; erste Schuld-
gründung
Beschäftigung mit weiblicher Freimau-
rerei, mehr Mystik
Leadbeater-Skandal (Apologetik der
Masturbation, Homosexualität, ...)
Olcott stirbt, Besant wird Präsidentin
der TS
Lernt Krishnamurti kennen und
nimmt sich seiner an („World Tea-
cher“)
Beginnt, sich für Indische Unabhänig-
keit zu engagieren; WWI
Mitgründung der Indian Home Rule
League, Widerstand gegen den Raj
Verfolgung und Inhaftierung; Gandhi
schreibt für ihre Freilassung; Dezem-
ber: Erste Präsidentin des Indian Na-
tional Congress
Ende der politischen Karriere in Indien
nach missverstandenen Kommentaren
zum britischen Amritsar-Massaker
Krishnamurti lehnt Rolle als „World
Teacher“, die beiden bleiben aber bis
1933 befreundet
Stirbt in Indien
Th
Th
Th
Th
Th
Th
Th
Th, H
Th, H
Th, H
Th, H
Th, H
Th, H
Fem, Soz
Fem, Soz
Fem, Soz
Fem, Soz
Fem, Soz
Fem, Soz
Fem, Soz
IHR
IHR, Fem, Soz
IHR, Soz
IHR, Soz
UK
India
India/UK
India
India/UK
India/UK
India
India
India
India
India
India
Tabelle 1: Timeline Annie Besant. Eigene Darstellung nach Nethercot 1960/63, Be-
sant/MacKay 2009 und Carolyn 2013.
29
Schlüssel:
C = Christentum
Sec = Säkularismus/Freidenkerbewegung
Th = Theosophie
Hin = Hinduismus
IHR = Indian Home Rule
Fem = Feminismus
Soz = Sozialismus
Irish HR = Irish Home Rule
FS = Free Speech
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